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Rapunzel, neu gelesen – ein Märchen über Erfolg, Erschöpfung und den Mut zum Abstieg

Das Grimm'sche Märchen Rapunzel ist schnell erzählt: Ein Paar sehnt sich nach einem Kind. Die Frau begehrt Rapunzeln aus dem Garten der Zauberin, der Mann stiehlt sie, der Preis ist das Neugeborene. Das Mädchen wächst in einem Turm ohne Tür heran. Zugang gewährt allein ihr langes Haar, an dem die Zauberin emporsteigt. Ein Prinz hört Rapunzels Gesang, klettert hinauf, wird ertappt, stürzt, erblindet. Er irrt durch karges Land, bis er sie wiederfindet. Ihre Tränen heilen seine Augen. Zusammen beginnen sie ein Leben weit ab von Turm und Zauberin.


So weit das Märchen. 


Was aber, wenn wir all die Jahre nur die halbe Geschichte gelesen haben? Ein Gespräch über Robert A. Johnson (Autor von „She: Understanding feminine psychology“) hat mir kürzlich einen neuen Blick eröffnet. Wie wäre es, wenn dieser Turm für etwas steht, das viele hochgebildete Frauen – meist mit bewundernswerter Konsequenz und aus nachvollziehbaren Gründen – im Laufe ihres Lebens errichten? Eine innere Konstruktion, die zunächst Schutz verspricht? 


Der Turm steht hoch, unerschütterlich und funktional in der Welt. Er bietet Überblick und Schutz. In ihm wächst Rapunzel heran, versorgt und bewacht. Der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung arbeitete zeitlebens mit Märchensymbolen. Aus seiner Perspektive ließe sich der Turm als Bild für jenen Teil der Psyche verstehen, der für Kontrolle sorgt: der zum Beispiel den Terminkalender im Griff hat und Emotionen reguliert. Oder dafür sorgt, dass niemand die innere Überforderung bemerkt, die sich heimlich anschleicht.


Viele Frauen in Führungspositionen haben sich ihren eigenen Rapunzel-Turm gebaut. Er ist ihre Antwort auf die realen Anforderungen der Welt und wird immer stabiler, je mehr die Frau sich diesen Anforderungen anpasst. Sie entwickelt analytische Schärfe genau so wie emotionale Intelligenz. Sie moderiert Konflikte souverän und hält hohe Belastungen aus. Ihre Strategie: Je mehr ich mich der Welt anpasse, desto sicherer bin ich.

Viele Frauen in Führungspositionen haben sich ihren eigenen Rapunzel-Turm gebaut.

In der ersten Lebenshälfte wirkt diese Turm-Konstruktion noch vielversprechend. Sie ermöglicht Aufstieg, Anerkennung, Einfluss. Sie vermittelt das Gefühl, das eigene Leben aktiv zu gestalten. Aus Jung'scher Perspektive entsteht hier eine starke Persona – jene soziale Rolle, mit der wir uns in der Welt zeigen, uns identifizieren. 


Doch mit zunehmender Reife verändert sich etwas. Jung nannte diesen Wendepunkt Individuation – die Bewegung hin zu einer umfassenderen Entfaltung der Persönlichkeit. Plötzlich reicht es nicht mehr, nach außen zu funktionieren. Die Seele verlangt nach jenen Anteilen, die jahrelang im Schatten geblieben sind. Viele Frauen erleben das als Erschöpfung, die trotz aller klugen Maßnahmen wiederkehrt. Als diffuse Unzufriedenheit, die sich nicht mehr wegschieben lässt. Als Burnout, der sich ankündigt, obwohl man doch „alles richtig“ gemacht hat.

Plötzlich reicht es nicht mehr, nach außen zu funktionieren.

Hier beginnt der Turm, seine Ambivalenz zu offenbaren: Er schenkt Übersicht, doch er trennt auch vom Boden. Er schützt, doch er isoliert auch. Rapunzel lebt in Sicherheit, aber gleichzeitig fehlt ihr die unmittelbare Berührung mit der Welt, abgesehen von den geregelten Besuchen der Zauberin. 


Die Zauberin verkörpert psychologisch eine perfide Mischung aus Kontrolle und Fürsorge. Sie überwacht unsere Anpassung an die Welt sowie die Einhaltung früh erlernter Überzeugungen und kultureller Ideale. Sie flüstert: Nur wenn ich stark bin, gehöre ich dazu. Nur wenn ich leiste, bin ich sicher. Bedürftigkeit ist Schwäche!“ Gleichzeitig sorgt sie dafür, dass wir uns augenscheinlich gut um uns kümmern.


Rapunzels Haar wächst unaufhörlich. Dieses Motiv fasziniert mich besonders. Das Haar entzieht sich der Kontrolle der Zauberin. Es folgt seiner eigenen Natur, lässt sich weder stoppen noch regulieren. Es bildet die einzige Verbindung zwischen dem abgeschlossenen Turm und der Außenwelt. Könnte es sein, dass das Haar für jene Impulse steht, die aus tieferen Bewusstseinsschichten aufsteigen? Das kann der Wunsch nach Sinn und Kreativität sein oder die stärker werdende Sehnsucht nach körperlicher Resonanz und echten tiefen Beziehungen. 

Könnte es sein, dass das Haar für jene Impulse steht, die aus tieferen Bewusstseinsschichten aufsteigen?

Der Prinz im Märchen erscheint mir weniger wie ein romantischer Erlöser, sondern vielmehr wie der Auslöser einer Entwicklung. Er bringt einen Impuls in das bisher geschlossene System. Im echten Leben zeigt sich das als Krise, als unerwartete Begegnung, als körperliches Warnsignal oder als Projekt, das plötzlich sinnlos erscheint. Entscheidend ist: Das bisher souverän organisierte Bewusstsein wird mit etwas konfrontiert, das sich der Kontrolle entzieht.


Die Reaktion der Zauberin fällt radikal aus: Sie schneidet das Haar ab und verbannt Rapunzel in die Wüste. Der Prinz stürzt und verliert sein Augenlicht. Diese dramatische Zuspitzung steht für eine Erfahrung, die viele Frauen beschreiben: Sobald das alte System gestört wird, entsteht Desorientierung. Die lieb gewonnene Selbstdefinition über Kompetenz und Verlässlichkeit gerät ins Wanken.


Der amerikanische Psychoanalytiker James Hollis spricht von der „zweiten Hälfte des Lebens", in der die Frage nach innerer Autorität dringlich wird. Sie fordert die Bereitschaft, auch jene Anteile zu integrieren, die bisher wenig Raum hatten: Verletzlichkeit, Ambivalenz, Bedürftigkeit, kreative Unordnung. Der Weg zu innerer Autorität gleicht dem Umherirren des blinden Prinzen in einer unbekannten Landschaft.

Der Weg zu innerer Autorität gleicht dem Umherirren des blinden Prinzen in einer unbekannten Landschaft.

Die Wüste, in die Rapunzel geschickt wird, steht für eine Phase im Leben, in der sich ein altes Gleichgewicht auflöst und ein neues erst allmählich entsteht. Viele erleben diese Zeit als schmerzhaft, weil das Selbstbild erschüttert wird. Zugleich eröffnet sich hier die Möglichkeit, sich über mehr als nur Kompetenz und Leistung zu definieren.


Als Rapunzel und der Prinz sich wiederfinden und sein Augenlicht zurückkehrt, gibt es kein Zurück. Der Turm gehört der Vergangenheit an. Beide haben sich verwandelt. Wer einmal blind war, sieht anders. 

Wer einmal blind war, sieht anders. 

Für Frauen in der Lebensmitte, die sich zwischen äußerem Erfolg und innerer Erschöpfung bewegen, liegt hier eine kraftvolle Botschaft: Der Turm war notwendig. Er hat in einer wichtigen Lebensphase gute Dienste geleistet. Doch die Seele verlangt im Laufe der Zeit mehr als das. Sie drängt auf Erweiterung. Nur dann ist ein Leben möglich, in dem Erfolg aus innerer Stimmigkeit hervorgeht und nicht aus reiner Funktionalität.


Der Vergleich mit Rapunzel lädt dazu ein, den eigenen Turm mit Respekt zu betrachten. Er hat uns lange Schutz geboten, doch nun fordert das Leben den Abstieg. Wer diesem Ruf folgt, braucht Mut, gelangt aber auch zu der großen Möglichkeit unserer zweiten Lebenshälfte: bei sich selbst anzukommen.

 
 
 

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